Freitag, 26. November 2010

Der Stand der Dinge

Eigentlich wollte ich in diesem Blog nicht ausschließlich meine persönliche Geschichte verarbeiten und verbreiten, sondern mehr Tipps und Hinweise auf Hilfsmöglichkeiten geben und neben der subjektiven Ebene auch die wissenschaftliche, medizinische und seelsorgerliche Ebene darstellen um so weit wie möglich Objektivität herzustellen.
Ich denke das ist mir auch bisher halbwegs gelungen. Da meine persönlichen Erfahrungen  mit psychischer Krankheit in meinem Umfeld und durch meine eigene Depressionsgeschichte aber auch für Manchen hilfreich sein könnten, will ich Euch aber nun auch über den Stand der Dinge bei mir persönlich berichten.
Sonst hatte ich meine Antidepressiva ja immer dann versucht abzusetzen, wenn es mir über einen längeren Zeitraum gut ging und ich mich seelisch stabil oder sogar durch Gott geheilt fühlte...Seit einiger Zeit nehme ich aus einem anderen Grund keine Antidepressiva mehr. Und das kam so:
Nach meinem Absturz in eine scheinbar endlose Depressionsspirale, welche mich immer tiefer abwärts riss, erlebte ich teilweise Seelenzustände, die ich noch gar nicht kannte: Panikattacken und Angstzustände die mich zutiefst verunsicherten und mir das Leben in diesem Jahr manchmal wie eine private Hölle erschienen ließen. Wohlgemerkt, es geht nur um mein Innenleben und keinesfalls um die äußeren Umstände, die für mich eher sehr erfreulich sind.
Manchmal hatte ich Angst ans Telefon zu gehen, weil es mir einfach zu schwer war meinen Freunden ständig erklären zu müssen, warum ich nicht an bestimmten Veranstaltungen oder Treffen teilnehmen konnte. Immer wieder dieses Unverständnis und mühsame Erklärungsversuche.

Keine Kraft und Bock auf GAR NICHTS! 

Keine Kraft zu erklären warum und wieso. Keine Freude und Kraft für die Dinge, die mir sonst so viel Spaß machen: Bloggen, Gitarre spielen und singen und sogar meine Leidenschaft, das Kochen.
Keine Kraft die Zähne zu putzen und mich zu rasieren oder zu duschen. Alle diese Kleinigkeiten nur vor mir herschieben wie einen riesen Berg. Bis nachmittags um 14:00 Uhr im Schlafanzug herumgammeln und nichts tun außer Zeitung lesen und am PC sitzen, spielen und surfen.
Nur in der Bude hocken auch wenn die Sonne scheint. Noch nicht mal über die Strasse zum Supermarkt um eine Kleinigkeit einzukaufen. Immer der Gedanke: Das kannst Du ja auch noch morgen erledigen.

Und dann sich für all das auch noch obendrein schuldig fühlen.

Sein Gesicht im Spiegel betrachten und sich selbst einfach nur scheiße zu finden. Sich selber mit anhaltenden Vorwürfen fertig machen. Obwohl man im Kopf weiß daß das Schwachsinn ist! Das ich einfach krank bin und nichts dafür kann. Aber der innere Kritiker gibt einfach keine Ruhe! Er läuft automatisch und kommentiert alles was ich tue und ich kann es nicht abstellen.
Und selbst dafür fühle ich mich schuldig. "Du könntest ja einfach den Dämonen der Depression gebieten dich zu verlassen"! Aber ich kann das nicht. Sind das überhaupt Dämonen? Ich habe keine Ahnung.

Ich nahm die doppelte Dosis

Mit Einverständnis meines Psychiaters nahm ich nun die doppelte Dosis Fluoxetin, meines Antidepressivums.
40mg statt 20mg. Irgendwann muss das doch einmal helfen. Aber Pustekuchen. Die Wochen und Monate verstrichen und NICHTS wurde besser. Eher schlechter, als es mir jemals ging.
Manchmal fühlte ich mich wie auf Drogen. Ich hatte seltsame und abwegige Gedankengänge. Ich wünschte manchmal ich wäre bald endlich tot.
Dann ging ich wieder zum Psychiater um ihm mitzuteilen, daß das Medikament nicht mehr half. Er riet mir sofort zum Medikamentenwechsel und schrieb mir Venlafaxin auf welches nicht nur auf den Serotoninspiegel wirkt, sondern auch auf das Noradrenalin. Noradrenalin soll für den Flucht- oder Kampfreflex zuständig sein und antriebssteigernd wirken.
Ich sollte das Fluoxetin halbieren und gleichzeitig mit einer geringen Dosis des neuen Antidepressivums beginnen und war gespannt ob der neue Antrieb kommen würde. Morgens nahm ich das neue Medikament, daß der Arzt mir mitgegeben hatte.
Gegen Mittag fühlte ich mich ziemlich aufgedreht und auf dem Weg zur Apotheke hatte ich den Eindruck beinahe so wie auf einem LSD-Trip zu sein. Die Menschen an denen ich vorbei ging wirkten wie große Plastikpuppen auf mich, denen das Leben fehlte. Ich hatte Angst, daß sich dieses "Drogengefühl" noch steigern könnte, aber es ließ sich aushalten.
Allerdings war ich nachts so putzmunter und überdreht daß ich wirklich buchstäblich nicht eine Minute schlafen konnte und morgens fühlte ich mich wie durch die Mangel gedreht und stand schon um 6 Uhr auf. Um 8 noch mal ein Schlafversuch und ich dämmerte bis 10 so halb dahin. Dann hatte ich einen Termin zum Schwimmen mit einem Freund und wir fuhren gemeinsam ins Schwimmbad.

Ein anderer depressionskranker Christ aus Österreich betet am Telefon für mich.

So gegen 14:00 Uhr bekam ich einen Anruf aus Wien von meinem Freund Olli, welcher selbst sehr große Probleme mit Depressionen, Schlaflosigkeit und Angstzuständen hat. Auch sein Glaube an Jesus ist oft mehr als wackelig. Er behauptet seit den 15 Jahren seines Christseins niemals die Liebe Gottes an sich persönlich gespürt zu haben. Gott hätte auch nie eins seiner Gebete tatsächlich erhört. Er hadert oft mit Gott, was ich bei seiner Geschichte gut verstehen kann.
Aber nun erwischt er mich am Telefon, bevor ich mich nach dem Mittagessen wieder ins Bett knallen will und er hat auf dem Herzen für mich zu beten.
Er legt los wie ein Vollcharismatiker und befiehlt sämtlichen Dämonen der Depression mich zu verlassen und ihre Drecksfinger von mir zu nehmen. Ich denke bei mir: "Ja Olli mach mal ruhig, schaden kanns mir wohl auch nicht mehr". Ich habe dabei nicht den geringsten Glauben, daß sein Gebet auch nur einen kleinen Grashalm bewegen könnte.
Danach danke ich ihm für die Freundlichkeit und Zuwendung und gehe Schlafen, was auch gottseidank klappt.

Nach dem Gebet geht es mir gut.

Nach dem Aufstehen so um 19:00 Uhr checke ich meinen Seelenzustand und bemerke: Eigentlich gehts Dir ganz gut. Du leidest im Moment gar nicht mehr.
Am nächsten Morgen nehme ich nur meine reduzierte Dosis von 20mg Fluoxetin und lasse das neue Medikament weg. "Ist ja wohl ein Teufelszeug", geht es mir durch den Sinn. Nach einer Internetrecherche und Studium des Beipackzettels finde ich heraus, daß man es gar nicht mit Fluoxetin kombinieren sollte und das auch mein Bluthochdruck eine Gegenanzeige ist. Dabei hatte ich meinem Psychiater klipp und klar gesagt daß ich viele Medis gegen hohen Blutdruck nehmen muss. 
Die ganze nächste Woche geht es mir mit der reduzierten Dosis Fluoxetin prima. Keine Traurigkeit. Der ganze Leidesdruck ist wie weggepustet.
Irgendwann beschließe ich mein Medikament nun vollkommen auszuschleichen. Denn schlimmer als mit den 40mg, welche ich fast ein halbes Jahr nahm kann es mir ganz ohne eigentlich auch kaum mehr gehen denke ich mir.
Seit einiger Zeit bin ich nun ganz auf Null und leide immer noch nicht permanent, wie in den gesamten letzten Monaten. Ob das Gebet des kranken Olli doch geholfen hat? Ganz ohne Zutun eines Fünkchens Hoffnung oder Glaube meinerseits?
Nach dem totalen Absetzen war ich einen Tag lang übersensibel und habe bei jedem Scheiß geheult. Bei Musikstücken oder Filmausschnitten. Oder bei Gedanken voller Selbstmitleid. Danach gings mir wieder normal. Dann konnte ich ein paar Nächte nicht schlafen, vielleicht auch weil ich so stark erkältet war und meine Frau die halbe Nacht gehustet hat. Das wars an Folgen des Absetzens bisher. Etwa 1 schlechter Tag und 3 schlaflose Nächte.

Ich hatte die Faxen mit den Medikamenten einfach total dicke!

Ich hatte keinen Bock mehr auf irgendwelche Psychopillen und hörte damit auf, so wie ich damals vor langer Zeit mit dem Rauchen aufgehört hatte, weil ich mich nur noch davor ekelte. Ganz ohne Therapie oder Gebet damals.
Und ich denke mir im Moment: Lieber eine ehrliche Depression schieben die mir selbst und meiner Seele geschuldet ist, als diese Chemie nochmals anzufassen. Und ich will neu auf Gott und seine Hilfe vetrauen.
Mich in seine Arme fallen lassen. Mit oder ohne Depression!
Und obwohl ich keinesfalls behaupte vollkommen geheilt zu sein - das wäre unrealistisch, denke ich geht es mir zur Zeit wesentlich besser als mit dem Antidepressivum.
Und für neuen Antrieb hat der Olli auch schon gebetet.... :-) Vielleicht kommt der ja auch bald wieder. Zumindest leide ich momentan seit Wochen nicht mehr. Und auch der Olli hat mal ein Erfolgserlebnis mit Gebet!

Kommentare:

  1. Mensch Ralle, das is ja starker Tobak. Hat mich echt bewegt. Und wie so oft bei meinen Patienten bin ich ratlos. War am überlegen, ob ich Deinen Blog mal ein oder zwei Ärzten von uns vorlege. Aber Ferndiagnosen sind ja auch so eine Sache.
    Vertrauen wir weiter.
    Det

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  2. Danke :)
    ps. schau mal bei mir vorbei :)
    LG

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  3. Es gibt keinen Ort jenseits von richtig und falsch. Höchstens einen Ort wo man es nicht mehr merkt...

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  4. danke für den beitrag ralf, hat mir gerade so sehr geholfen, weil ich mich damit so verstanden fühle, das ich nicht alleine bin mit dieser antriebslosigkeit und dem verschieben auf morgen!

    hoffe es geht dir immer noch besser als mit den pillen. ich selber hab mal angefangen welche zu nehmen, gegen meine mich sehr belastende antriebslosigkeit, aber hab sie dann schnell
    wieder abgesetzt, habe angst davor. traurig, panik, selbstvorwürfe oder fremdvorwürfe, damit hab ich keine probleme, bei mir ist es "nur" die blöde antriebslosigkeit und so eine gefühlsleere. kann sein das das meiste mein sehr niedrige dosis methadon abhält was ich schon seit jahren nehme, aber dadurch dann gefühlsleer geworden bin und antriebslos.

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