Montag, 18. Mai 2009

Depressionstest

Krankheitseinsicht ist überhaupt erst die Basis für eine erfolgversprechende Therapie.
Ohne die Anerkennung meiner Symptome als ernsthafte psychische Störung, gibt es weder für Seelsorger noch Therapeuten eine Arbeitsgrundlage. Jahrelang habe ich meine Depressionskrankheit geleugnet, obwohl mich verschiedene Hausärzte mehrfach darauf angesprochen hatten. "Ich bin ein Mann des Glaubens", sagte ich mir innerlich dabei. "Die wollen mich doch nur vom Glauben abbringen, auf den ich alle meine Hoffnung setze. Schließlich bin ich Ältester, Bibellehrer und Lobpreisleiter! Was wäre das denn ein Zeugnis für die Kraft und Hilfe Gottes, wenn ich ärztliche Hilfe in Anspruch nähme? Ich wäre als Prediger dann doch völlig unglaubwürdig"
So oder ähnlich predigte mir mein innerer Kritiker Jahrzehntelang!

Wer war dieser innere Kritiker eigentlich?
Die Stimme Gottes? Oder die Stimme eines Dämonen? Oder nur die Stimme meines eigenen feigen Egos?

Als Christ hatte ich sämtliche Möglichkeiten des Gebets und der Befreiung von Flüchen oder "dämonischer Belastung" in Anspruch genommen. Ich hatte mich von jeder mir bekannten Sünde und okkulten Praxis losgesagt. Ich hatte die "Taufe im heiligen Geist" für mich in Anspruch genommen und viel mit Gott erlebt. Ich war oft mit "Kraftwirkungen" des heiligen Geistes in Berührung gekommen. 

 Nichts half nachhaltig gegen die latente Bedrückung und Niedergeschlagenheit in meinem Leben.
 Nach meiner Heirat, den ersten eigenen Kindern und der Gemeindegründung einer charismatischen Freikirche hatte ich einige Jahre lang Ruhe vor der Schwermut und Melancholie, die mein Leben wie ein roter Faden von Kindheit an begleiteten.
Irgendwann aber konnte ich einfach nicht mehr und erlebte einen kompletten Burnout mitten in der "heiligsten Bibelschule" CTZ-Hannover. Während ich auf der Bühne stand um voller Power fröhliche Lieder zu singen, nagten Schuldgefühle und eine bohrende Traurigkeit innerlich an mir. Und zwar so heftig, daß ich es nur sehr schwer aushalten konnte. Während andere sich begeistert über die Gegenwart Gottes in meinem "Lobpreisdienst" äußerten, mich bejubelten und lobten, dachte ich an den Song von Freddy Mercury: "The show must go on". Die Textzeile "inside my heart is breaking" ging mir immer wieder im Kopf herum. Wenn ich diese Gedanken einem Mitarbeiter unserer tollen "Prophetenschule" gegenüber äußerte hieß es nur lapidar: Das sind nur Lügen des Teufels! Du must Deine Seele unter die Kontrolle des Geistes bringen! Du must die Wahrheit des Worters Gottes proklamieren und glauben, glauben glauben!

Aber nichts half. Auch nicht die stärkste Dusche und Erfüllung mit dem heiligen Geist. Auch nicht die Lachattacken während der "Torontozeit" Auch nicht das herumrollen auf dem Boden unter der Kraft des Geistes und das auflegen der Hände von "gesalbten" Aposteln und Propheten. Was war nur mit mir los?
Versteckte Dämonen in meinem Leben? Falsches Denken und Glauben, wie mir die Elitechristen, Prediger und Mitarbeiter der Bibelschule suggerierten?


Mittlerweile glaube ich, daß selbst Gott keine "Arbeitsgrundlage" für eine Therapie oder Heilung bei mir hatte - weil ich leugnete krank zu sein! Und weil man mir immer wieder einredete, daß Gott mich ja schon lange geheilt hatte. Dort am Kreuz vor zweitausend Jahren. Heilung sei eine geistliche Tatsache, die man nur noch für sich "beanspruchen" müsste! Dann würde sie auch sichtbar in der Realität.
Das glaubte und predigte ich auch selbst. Wie kam es nur, daß in Jahrzehnten meiner Karriere als Lobpreisleiter, Gemeindeältester und Bibellehrer nur so extrem selten eine Heilung als Folge von Gebet und Handauflegung passierte? Weder bei mir, noch bei meinen Kindern oder den Hilfesuchenden in der Gemeinde und bei Konferenzen? Extrem selten heißt nicht niemals, denn ab und zu erlebte ich auch kleine oder mittelgroße Heilungen durch Gebet bei mir oder anderen. Ich will bei der Wahrheit bleiben.

Wollte Gott nicht heilen? Machten wir beim Glauben alles verkehrt? Es werden doch in der Bibel die wunderbarsten Heilungen berichtet und wir sollten noch größere Werke als Jesus selbst vollbringen. Und alles sollte natürlich möglichst schnell und vor allen Dingen ÜBERNATÜRLICH passieren.
Darauf wollte ich Gott festnageln.
Aber Gott ließ sich nicht darauf ein. Irgendwann, nachdem meine Ehe und eins meiner Kinder beinahe den Bach runter gegangen waren, suchte ich professionelle Hilfe auf und begann ein Medikament gegen Depressionen zu nehmen. Noch später machte ich eine ambulante Psychotherapie bei einem niedergelassenen Diplompsychologen und Psychotherapeuten. Ich bin davon überzeugt, daß Gott selbst mich bei der Hand genommen und zu diesem Mann geführt hat - obwohl er kein Christ in meinem damaligen Verständnis war, sondern nur katholisch sozialisiert und ab und an das Vaterunser betete. Immerhin konnte er mit meiner "christlichen Leidensgeschichte" etwas anfangen und er glaubte an Gott. Ihm war die spirituelle Dimension des Menschen zumindest nicht fremd.

Trotzdem war ich es, der die Liste der Psychotherapeuten durchgehen und anrufen musste, was nicht leicht ist, wenn man von der bleiernen Schwere und Kraftlosigkeit der Depression niedergedrückt ist.
All diese Dinge halfen mir auf dem Weg, besser mit meiner Krankheit umzugehen.
Eine Arbeitsgrundlage für Gott und menschliche Therapeuten war entstanden.
Wenn Du den Verdacht hast, selbst an dieser Krankheit zu leiden,
dann mach den Test und suche professionelle Hilfe.

>>Depressionstest nach Goldberg

1 Kommentar:

  1. Danke für diesen Beitrag, der zeigt, wie eng falsch verstandene Religion und Depression verwoben sein können. Hätte ich dies hier vor der Fertigstellung meines Buches unter dem Titel "Depression, Angst und Unbewusstes" (2008) gelesen, hätte ich um Erlaubnis gebeten, dieses Erleben in das Buch aufnehmen zu dürfen. Das tue ich aber jetzt gleich für die neue Auflage, die ich wahrscheinlich im kommenden Winter schaffe.- Nochmals danke für die große Offenheit und Klarheit und gute Wünsche!
    Holger W.H. Fischer

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